Werte- und Medienforschung

Das Vertrauen in die Institutionen des demokratischen Staates sinkt. Dies ist ein Trend, der sich seit langem beobachten lässt. Aufgrund widersprüchlicher Umfragedaten ist der Vertrauensverlust nur schwer absolut zu beziffern. Ein relativer Verlust findet sich aber länderübergreifend. Abbildung 1 zeigt den Verlauf von Vertrauen in verschiedene Institutionen über die letzten vier Jahrzehnte in den USA. Ähnliche umfangreiche Zeitreihen sind für Deutschland leider nicht verfügbar.

Das Messen von Vertrauen in Parlament und Regierung ist nicht trivial, da sich hier allgemeines Vertrauen in die Institution und Vertrauen in eine bestimme Partei oder bestimmte Politiker überlagern. Deswegen konzentriere ich mich im folgenden auf Vertrauen in die Nachrichtenmedien. Auch hier ist ein Vertrauensverlust dokumentiert (und oft beklagt) worden.

Abbildung 1: In den USA ist das Vertrauen in Institutionen über die letzten vier Jahrzehnte gesunken (Quelle: General Social Survey).
Abbildung 2: Das Vertrauen in die Presse ist in autoritären Staaten oft höher als in demokratischen Staaten (Quelle: World Values Survey 2000 und 2005).

Analysiert man Vertrauen in die Medien länderübergreifend, so wird ein interessantes Phänomen offenbar: Vertrauen in die Medien (hier: die Presse) ist in autoritären Staaten oft höher als in demokratischen Staaten. Dies ist aus Abbildung 2 ersichtlich. In der Abbildung wird Vertrauen in die Presse gegen Freedom House Press Scores aufgetragen. Freedom House Press Scores sind ein Maß für die Freiheit, die die Presse in einem Land genießt. Mit einer mangelnden Qualität der Presse alleine kann das niedrige Vertrauensniveau in den demokratischen Staaten kaum begründet werden. Schließlich weisen Länder wie Vietnam oder China wesentlich höhere Werte auf - obwohl in diesen Ländern die Presse nicht frei berichten kann.

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären?

Ein emanzipativer Wertewandel könnte eine Erklärung liefern. Die Theorie eines emanzipativen Wertewandels wurde von Ronald Inglehart und Chris Welzel entwickelt. Mit zunehmenden materiellem Wohlstand und besserem Zugang zu Bildung entwickeln Menschen kritischere Einstellungen gegenüber Religion, traditionellen Rollen und Institutionen. Stattdessen legen sie mehr Wert auf Selbstverwirklichung und Individualismus. Ein emanzipativer Wertewandel könnte kritischere Einstellungen gegenüber Institutionen wie der Presse erklären. Die Qualität der Presse hätte sich über die Zeit nicht verschlechtert. Stattdessen legen die Menschen strengere Maßstäbe an. Ein solcher Effekt lässt sich jedoch für Nachrichtenmedien empirisch nicht ohne weiteres nachweisen.

Abbildung 3: Ein emanzipativer Wertewandel hat auf der individuellen Ebene nur eine minimale Korrelation mit Vertrauen in die Presse (Quelle: World Values Survey 2000 und 2005, 124.139 Fälle, 93 Länder, XY-standardisierte Koeffizienten, Mikroebene eines Mehrebenenmodells).

Erhellend ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis zwischen Vertrauen und der Entwicklung von emanzipativen Werten: Mit einem emanzipativen Wertewandel geht anfangs ein rapider Vertrauensverlust einher (Abbildung 5). Dieser Zusammenhang ist jedoch nicht linear. Für Länder, die im Wertewandel bereits fortgeschritten sind, hat ein weiterer Wandel keinen Einfluss mehr auf das Vertrauen in die Presse.

Abbildung 4: Ein emanzipativer Wertewandel hat nur in Ländern mit einem niedrigen Niveau von emanzipativen Werten einen Effekt auf Vertrauen in die Presse (Quelle: World Values Survey 2000 und 2005).
Abbildung 5: Ein emanzipativer Wertewandel hat zunächst keinen Effekt auf die Freiheit der Presse. Ein positiver Effekt tritt erst mit einem fortgeschrittenen Wertewandel ein (Quelle: World Values Survey 2000 und 2005).

Ein weiterer nicht-linearer Effekt findet sich in dem Zusammenhang zwischen der Freiheit der Presse und emanzipativen Werten. Ein emanzipativer Wertewandel hat zunächst keinen Einfluss auf die Freiheit der Presse. Eine Demokratisierung tritt erst mit einem höheren Niveau von emanzipativen Werten ein (Abbildung 6).

Zusammengenommen bietet sich folgende Erklärung an: Ein emanzipativer Wertewandel ist besonders in autoritären Regimen effektiv. In diesen Regimen untergräbt er das Vertrauen in die (oft zensierten) Nachrichtenmedien. Dieser Vertrauensverlust, der sich auch auf weitere Institutionen übertragen lässt, trägt zur Demokratisierung bei. In demokratischen Staaten mit einer freien Presse untergräbt ein emanzipativer Wertewandel nicht weiter das Vertrauen.

Müller, J. (in preparation). Aktive Bürger durch öffentlich-rechtlichen Rundfunk? In: Jörg Hagenah & Heiner Meulemann (Hrsg.): Mediatisierung der Gesellschaft. Münster: Lit Verlag.

Müller, J. (2010). The (Ir)relevance of Trust in the News Media: Dynamics, Causes, and Consequences of Trust in the News Media in Democratic and Authoritarian Regimes. PhD thesis.

Held, M., Müller, J., Deutsch, F., Grzechnik, E. & Welzel, C. (2009). Value Structure and Dimensions: Empirical Evidence from the German World Values Survey. World Values Research, 2(3), 56-78.

Müller, J. (2010). Emancipative Value Change and Trust in the News Media in Democratic and Authoritarian Regimes. Paper presented at the 60th Annual Conference of the International Communication Association, Singapore.

Müller, J. (2010). The Effect of European Public Service Television Broadcasting on Political Knowledge and Political Activism. Paper presented at the International Conference "Europe and the Media" of the European Sociological Association, Research Network 18, Athens.

Müller, J. (2010). Causes and Consequences of News Media Use in Western Democracies. Paper presented at the 3. Workshop des MLFZ, Köln.

 

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