Schlüsselbilder

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes "Automatische Identifikation und Klassifikation von Personen als Key-Visual-Kandidaten" an der Jacobs University (Prof. Dr. Peter Ludes) und am Technologiezentrum Informatik der Universität Bremen (Prof. Dr. Otthein Herzog) werden unter anderem Darstellungen von Staatsoberhäuptern und "einfachen Leuten" untersucht. Ziel des Projektes ist das Herausarbeiten von visuellen Konventionen, anhand derer sich Staatsoberhäupter und einfache Leute unterscheiden lassen. Diese Konventionen sollen mit den Mitteln der automatischen Bildanalyse operationalisiert werden. Idealerweise lassen sich damit die beiden Akteurstypen automatisch unterscheiden. Algorithmen der automatischen Bildanalyse würden damit nicht mehr nur einfache geometrische Formen erkennen. Stattdessen würde die soziale Rolle eines Akteurs automatisch identifiziert werden. Aus medienwissenschaftlicher Sicht soll das Projekt bereits existierende Untersuchungen von Prof. Ludes fortführen. Im Fokus stehen Fragen wie: Wie wird "Macht"und soziale Hierarchie visuell repräsentiert? Gibt es über die Jahre einen Trend zur einer informelleren Darstellung von Staatsoberhäuptern? Sind diese Darstellungsweisen universell und damit über Kulturen hinweg gleich?

Als Grundlage für die Analyse werden Fernsehjahresrückblicke des letzten Jahrzehnts aus den USA und aus Deutschland verwendet. Jahresrückblicke fassen die wichtigsten Ereignisse und Bilder des Jahres zusammen. Aus diesem Grund finden sich in Jahresrückblicken besonders typische Darstellungen.

Abbildung 1: Die Darstellung von Akteursrollen als aktiv oder passiv in US-amerikanischen und deutschen Jahresrückblicken des letzten Jahrzehntes.
Abbildung 1: Die Darstellung von Akteursrollen als aktiv oder passiv in US-amerikanischen und deutschen Jahresrückblicken des letzten Jahrzehntes.
Abbildung 2: Der thematische Kontext von Akteursrollen in US-amerikanischen Jahresrückblicken des letzten Jahrzehntes.
Abbildung 2: Der thematische Kontext von Akteursrollen in US-amerikanischen Jahresrückblicken des letzten Jahrzehntes.

Mit Hilfe der von mir für dieses Projekt entwickelten Videokodiersoftware Kivi wurden potentiell relevante Merkmale der Jahresrückblicke kodiert und ausgewertet. Es lässt sich (wenig überraschend) empirisch zeigen, dass Staatsoberhäupter häufig in Berichten über Innen- und Außenpolitik gezeigt werden. Sie werden als aktiv dargestellt. "Einfache" Leute werden demgegenüber eher in thematischen Kontexten wie Wirtschaft, Human Interest oder Feierlichkeiten gezeigt. Sie werden als vergleichensweise passiv dargestellt (Abbildungen 1 und 2).

Abbildung 3: Eine multiple Korrespondenzanalyse erlaubt die Visualisierung von Darstellungsweisen von Staatsoberhäuptern. Amerikanische Präsidenten werden häufiger in militärischen Kontexten gezeigt als deutsche Staatoberhäupter. Für letztere ist eine
Abbildung 3: Eine multiple Korrespondenzanalyse erlaubt die Visualisierung von Darstellungsweisen von Staatsoberhäuptern. Amerikanische Präsidenten werden häufiger in militärischen Kontexten gezeigt als deutsche Staatoberhäupter. Für letztere ist eine

Eine multiple Korrespondenzanalyse erlaubt die Analyse von Darstellungsmerkmalen. So werden US-amerikanische Staatsoberhäupter häufiger in militärischen Kontexten gezeigt. Dies schlägt sich sowohl in der Kleidung als auch in der Situation nieder. Deutsche Staatsoberhäupter werden dagegen eher "bei der Arbeit", d.h. in Sitzungen, am Rednerpult (ohne das der Inhalt der Rede relevant wäre), im Flur oder auf dem Weg zu Sitzungen. Charakteristisch ist ein formaler Kleidungsstil (Anzug, Krawatte).

Abbildung 4: Eine automatische Gesichtserkennung erlaubt die Lokalisierung von Gesichtern auf dem Bild und über die Zeit. Außerdem läßt die Größe eines erkannten Gesichtes Rückschlüsse auf die räumliche Tiefe zu (Abbildung von Martin Stommel).
Abbildung 4: Eine automatische Gesichtserkennung erlaubt die Lokalisierung von Gesichtern auf dem Bild und über die Zeit. Außerdem läßt die Größe eines erkannten Gesichtes Rückschlüsse auf die räumliche Tiefe zu (Abbildung von Martin Stommel).
Abbildung 5: Die Größe der Darstellung von Akteuren wurde mit Kivi vermessen. Staatsoberhäupter werden per se nicht größer dargestellt. Es ist vielmehr eine Interviewsituation, die die Größe der Darstellung determiniert.
Abbildung 5: Die Größe der Darstellung von Akteuren wurde mit Kivi vermessen. Staatsoberhäupter werden per se nicht größer dargestellt. Es ist vielmehr eine Interviewsituation, die die Größe der Darstellung determiniert.

Staatsoberhäupter, so die Hypothese, werden größer und zentraler dargestellt. Eine automatische Erkennung von Gesichtern wurde genutzt, um Staatsoberhäupter und einfache Leute automatisch zu unterscheiden. Wird die räumliche Verteilung und die Größe der erkannten Bilder über die Zeit betrachtet, so ergeben sich charakteristische Muster, die die dargestellte Situation beschreiben (Abbildung 4). Diese Muster können mit einer Clusteranalyse analysiert und klassifiziert werden. Diese Analyse wurde von Martin Stommel vom Technologiezentrum Informatik der Universität Köln vorgenommen. Leider zeigte sich, dass sich Staatsoberhäupter und einfache Leute nicht aufgrund dieser Kriterien unterscheiden lassen. Kivi erlaubt das Markieren von Bereichen in Videoeinzelbildern. Damit kann die Größe der Darstellung von Akteuren im Video gemessen werden (siehe Abbildung 5). Die Hypothese, dass Staatsoberhäupter als die prominenteren und mächtigeren Akteure im Schnitt größer gezeigt werden und damit einen größeren Anteil der Bildschirmfläche einnehmen, bestätigte sich nicht. Es ist vielmehr eine Interviewsituation, die die Größe der Darstellung determiniert.

 

Müller, J. & Stommel, M. (2011). Heads of State and Common People: Perspectives from the Computer and Social Sciences. In: Peter Ludes und Otthein Herzog (Hrsg.), Algorithms of Power. Berlin: Lit Verlag.

Stommel, M. & Müller, J. (2011). Das bewegte Bild: Filmanalyse – Methoden der automatischen, computergestützen Bilderkennung und Analysen. In: Thomas Petersen und Clemens Schwender (Hrsg.), 
Die Entschlüsselung der Bilder - Methoden zur Erforschung visueller Kommunikation. Köln: von Halem.


Müller, J. & Stommel, M. (2010). Using automatic face recognition to identify presentation patterns of power and hierarchy in U.S.-American and German TV annual reviews. Paper presented at the 3rd European Communication Conference, Hamburg.

Müller, J. (2009). Symbols of Statehood, Legitimation, and Power in the Depiction of Heads of State in German and US-American Annual Reviews. Paper presented at the 9th Conference of the European Sociological Association, Lissabon.


Beschreibungen, Autoren und Lizenzen der Bilder der Collage von links nach rechts und von oben nach unten:

  1. George W. Bush, Washington 2005, US Bundesregierung, Public Domain
  2. George W. Bush und Gerhard Schröder, Berlin 2002, Paul Morse für die US Bundesregierung, Public Domain
  3. Angela Merkel, Laura Bush und Harald Lastovka, Stralsund 2006, Eric Draper für die US Bundesregierung, Public Domain
  4. Vladimir Putin und Vladimir Bulgakov, 2000, (C) www.kremlin.ru, Creative Commons Attribution 3.0 Unported
  5. George W. Bush an Bord der USS Abraham Lincoln, 2003, Tyler J. Clements für die US Bundesregierung, Public Domain
  6. George W. Bush mit Familie, Washington 2004, Paul Morse für die US Bundesregierung, Public Domain
  7. Angela Merkel, Erfurt 2009, (C) Michael Panse, Creative Commons Attribution 2.0 Generic
  8. George W. Bush und Gerhard Schröder, Washington 2001, Paul Morse für die US Bundesregierung, Public Domain
  9. Horst Köhler und Lech Kaczynski, 2009, (C) Chancellery of the President of the Republic of Poland, GNU Free Documentation Licence
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